12
Apr
2009

Ostersonntag in Manila

Gestern kam ich auf die Idee, ein Brathaehnchen zu kaufen. Die Idee war, die Haenchenbrust herauszuloesen und heute mit Gemuese als Sonntagsessen zu geniessen, das Uebrige sollte gestern als Frikassee verwertet werden. Der Haehnchenstand hatte keine Kasse, wir mussten im Supermarkt zahlen und dann mit der Quittung zurueckkommen. Ich dachte, jetzt wird das gute Stueck eingepackt, aber ehe ich es verhindern konnte, wurde es auf einem Holzklotz mit dem Handballen plattgedrueckt, und dann sauste ein Beil nieder, kreuz und quer und ohne jedes System, bis wir nur noch fingerlange Stuecke in eine Plastiktuete geschuettet bekamen. Pech! An beuiden Tagen gab es also Haehnchengeschnetzeltes in Zwiebel- und Sojamarmelade mit Mischgemuese. Das war eine Knochenknabberei! Die Katze, die uns in letzter Zeit belager, bekam ein paar Knorpel und Haut zu knabbern, was ihr wohl nicht reichte, denn sie hat anschliessend unseren Muelleimer gekapert, aber keine Haenchenreste, sondern saemtliche Damenbinden geklaut und im Haupthaus auf der Treppe verteilt.
Der Tag begann grossartig. Um halb vier in der Nacht schlug die Kirchenglocke zwanzigmal, dann, nach einer Pause, zweiundzwanzigmal, ein echtes Blechgeschepper. Analyn bat mich, das Fenster zu schliessen, und ich meinte, das gehe gleich vorueber. Das glaubst dunur, meinte sie - erstens ist Sonntag, zweitens Ostern. Ich schloss das Fenster, merkte, dass draussen tolleLuft war, und setzte mich (mit Pyjama natuerlich) auf den Balkon. Es war schoen kuehl, fast noch Vollmond, der eine flache, den Hilmmel zu einem Drittel bedeckende Wolke von hinten weiss durchleuchtete. Noch ein Gongschlag, von irgendwo Boellerschuesse, und ploetzlich setzte ein Gejaule und Gejapse von Hunden ein, als haette man in der ganzen Stadt Tausende von Hunden gleichzeitig unter den Fuessen gekitzelt. Davon wuirden Haehne und andere Voegel gleichzeitig wach, das Piepen und Zwitschern mischter sich mit dem Pfeifen der Fledermauese. Und dann, kam aus der dunklen Kirche eine einzelne Frauenstimme, der Gesang nicht wie ein Kirchenlied, sondern wie eine Filmmusik zu "Graf Dracula fuerchtet das Morgenlicht". Immer wieder torkelte eine Fledermaus ins Licht der Strassenlaterne vor dem Haus. Dann ertoenten Schuese, oder ich hielt sie erst dafuer, denn auf einmal war die Kuppel der Peterskirche in buntes Feuerwerk gehuellt, Knall auf Knall gab es, und das "Ever Gotesco" warf mit seinen Mauern ein Echo zurueck. In der Ferne dann das leise Zirpen der Feuerwerke anderer Kirchengemeinden. Vereinzelt mischten sich aufheulende Polizeisirenen und Trillerpfeifen in das Konzert, der Verkehrslaerm brach eine ganze Stunde fruer aus als sonst, und ein farbenpraechtiger Sonnenaufgang mit nur wenig Smog beleuchtete Akazien, Teak- und Mangobaueme in unserem Viertel mit rosablauem Licht, wie eine Barbie-Reklame. Die Haehne wurden lauter, die Hoffnung, dass zu Ostern wenigstens einer davon geschlachtet werde, erfuellte sich nicht. Es wurde heller, in den Nachbarhaeusern wurden erste Klofenster geoeffnet, in die Faekalwolke mischte sich der Fettgeruch von Suppenhuehnern und Bratfisch, und ich zog mich vom Balkon zurueck. Auch unsere Turmwasserpumpe sprang eine Stunde frueher an, das Singen und Pfeifen durchdrungen vom Prediger in der Kirche. Ich kehrte ins Bett zurueck. Da war es auch schoen.
Die hiesigen Sender sind noch nicht wieder voll im Gang, auslaendische Sender brerichten nichts Auffaelliges von den Philippinen. Ein wirtschaftliches Problem: Seit 35 Jahren bekaempft die Regierung die Arbeit damit, dass die Einheimischen ins Ausland vermittelt werden. Jede achte Arbeitskraft ist im Ausland taetig; jetztverlieren die meisten ihre Stellungen (oft noch bevor sie ihre Schulden beim Arbeitsvermittler bezahlt haben), sie draengen hierher auf den Arbeitsmarkt, der aber auch zusammengebrochen ist - Folge: die hiesige arbeitende Bevoelkerung wird erneut ins Ausland vermittelt, und zwar noch billiger. Wie geht das? Die Maenner mit Hungerloehnen auf Frachtschiffe, die Frauen in Ein-Euro-Jobs inh Haushalte weltweit. Solche Infos sammle ich fuer meinen Krimi, der im Kopf schon immer plastischer gedeiht.
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