28
Sep
2009

Allein. Lesung in Weimar.

Schlaflose Nacht. Bin gegen 4 Uhr früh aufgestanden, habe im Arbeitszimmer aufgeräumt, die Ablage auf den neuesten Stand gebracht, Zettelkram sortiert, Einiges weggeworfen. Bedrückte Stimmung, nicht nur wegen des Wahlausgangs. Finanzielle Sorgen, diese vorübergehend, aber vor allem Kummer, weil Analyn mir fehlt. Am 30. April haben wir geheiratet, man gibt ihr immer noch nicht das Visum, mit dem sie in Deutschland einreisen dürfte. Sie fehlt mir in jeder Hinsicht. Sie hätte sich mit mir gefreut, als diese Woche ein toller Bericht über mich und mein neues Buch in der Augsburger Allgemeinen erschien, verfasst von Sybille Schiller, und sie wäre mir ein Trost auf der Reise nach Weimar gewesen. Ich stelle mir immer vor, sie ist ständig an meiner Seite, in jeder Situation, wie mein "Gedankengast", das nichtexistente Mädchen, das ich als Jugendlicher "neben mir" hatte und mit dem ich mich über alles unterhalten konnte.
Dieses Mädchen "neben mir" war imaginär, Analyn ist real, ein Mensch aus Fleisch und Blut mit Gefühlen, Träumen, Hoffnungen. Ich weiß nicht, warum die Behörden so brutal sein können, uns so lange zu trennen. Ich fühle ihr Fehlen körperlich, als würde man mir die inneren Organe herauszerren. Analyn sitzt seit Monaten in Pagudpud fest, bei ihrer Mutter, kümmert sich um die Kinder ihrer Verwandtschaft, wünscht sich ein eigenes, fühlt sich immer älter werden – und ich selbst werde es tatsächlich. Dass wir nun täglich telefonieren, hilft nicht über die Trennung hinweg. Mich packt langsam eine Wut, und ich mache diese Sache nun zunehmend öffentlich. In Weimar habe ich bei einem Rundfunk-Interview gesagt: Schade, dass meine Frau nicht dabei sein kann und diese Reise und meinen Auftritt in der "Klassik-Stiftung" miterlebt.
Weimar war eigentlich gar nicht freundlich. Schon die Anreise: Bei Sonnenschein bin ich am 15. September früh in Augsburg losgefahren, mit dem Bummelzug, da ich gehalten war, die billigste Möglichkeit zu wählen. Über Nürnberg, Bamberg und durch Frankenwald / Thüringer Wald nach Saalfeld, dann über Arnstadt und Erfurt nach Weimar. Schob bei Lichtenfels war die Sonne verschwunden, das Gebirge in dichtem Nebel, dahinter wurde es auch nicht besser – ein düsteres Land, dem man zumindest in baulicher Hinsicht noch die DDR ansieht. Durch Zugverspätungen hatte ich Anschlüsse verpasst und kam nur eineinhalb Stunden vor meiner Lesung am Bahnhof an. Rasch zum Hotel! Duschen! Umziehen! Die Busfahrt in die Innenstadt zeigte mir einige prächtige Bauten – Bibliotheken, Kunstsammlungen, Theater, Forschungsstätten, alles gelbgrau und regendurchnässt. Um das Kleinstädtische zu verbergen, ist hier dem Namen nach alles "National", mit Großbuchstaben. Als Denkmal an die Provinzialität hat man mitten in die Stadt einen riesigen weißen Block gebaut, völlig schmucklos. Keine Fabrikhalle, sondern ein Einkaufszentrum.
Das Hotel "Amalienhof": Großer Name, Mittelklasse. Hatte eine Dachkammer. Teppich und Tapete im gleichen Muster, Schreibtisch vorhanden. Keine Minibar, das Bier holt man drei Etagen tiefer am Empfang.
Im Halbdunkel des Spätnachmittags dann der Weg zum Veranstaltungsort. Am Rande eines Parks an der Ilm dann ein einsames Plakat mit dem Hinweis auf meine Buchvorstellung, vom Regen zerzaust. Ein schönes Foyer, üppig bestuhlt, eine nette Kuratorin, ein frustrierter Buchhändler, wenige Gäste (wer verlässt bei dem Wetter schon das Haus?), ein paar gezielte Fragen aus dem Publikum, touché oder auch voll daneben. In der Zeitung später eine böswillige Rezension, aber wie ich hörte, ist der Mann nicht ernst zu nehmen, macht alles nieder, was seiner Meinung nicht First Class ist. Und wenn man, wie ich, dem Goethe am Lack kratzt... Ich glaube, ich hätte das mit der Knabenliebe doch noch ein wenig bösartiger schreiben sollen, zu Ehren der Weimarer Denkmalschützer...
Zu Hause: Meine Frau fehlt mir. Ihr Geburtstagsbrief kam an. Trotz Express-Sendung und Luftpost ganze dreieinhalb Wochen unterwegs. Wie im Krieg halt.
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