VIRGINIA WOOLF IN BOBINGEN
Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Ich nicht. Deshalb war ich auch heute mit einem Kollegen bei einem Vortrag über Virginia Woolf im Bobinger Schlösschen. Das Thema hat mich interessiert, ich wusste sehr wenig über diese Frau, habe vielleicht mal ein Buch nach zehn Seiten weggelegt. Nun also dieses Abenteuer. Wir waren voller Erwartung.
S. Sch., eine beliebte und erfahrene Journalistin und Lyrikerin aus Augsburg, hat sich die Mühe gemacht, zu recherchieren. Im Bobinger Schlösschen kamen einige Zuschauerinnen und Zuschauer zusammen, über 30 interessierte Leute, der Raum war voll. S. Sch. trug interessante Details vor, las über eine Posse (Woolf und ihre Freunde spielten "Kaiser von Abessinien" und ließen sich von der britischen Marine empfangen und bewirten – sowas schafft heute nur noch Hape Kerkeling), es war sehr lustig – und dann der Abschiedsbrief vor V.W.'s Selbstmord – sehr eindrucksvoll. Dann kam eine Textlesung – Mrs. Dalloway geht durch die Straßen, Mrs. Dalloway gibt einen Empfang. Mein Gott, wie lange habe ich Mrs. X nicht gesehen, und wer ist denn der schlanke Mann in Begleitung von Mrs. Y? Wie groß ist der Premierminister, und was hat er heute an? Ach, und Mrs. C., endlich, nach zwanzig Jahren! Tolles Kleid, meine Liebe! Und das eine ganze Stunde, ohne Pause.
Das soll keine Meckerei von mir sein – da Ganze war auf hohem Niveau, gut vorgetragen, mit einer bewundernswerten Fähigkeit: Wenn ich etwas vortrage und mich verspreche, stutze ich, verheddere mich und muss den Satz neu anfangen. Und S. Sch. ? Sie merkt es, lässt sich nicht beirren, liest weiter – virtuos wie eine Orgelspielerin, die mit dem Absatz in den Pedalen hängen bleibt, mitten im Konzert. Weiterspielen! Die meisten Zuhörer haben nicht einmal etwas gemerkt.
Nach einer halben Stunde "Mrs. Dalloway" schielte ich auf das Manuskript, das auf dem Tisch lag. Blatt für Blatt wendete sich, und ich dachte: Nur noch zwei Seiten.
Plötzlich lagen da noch sieben oder acht.
Als diese fast vorgelesen waren, erschienen zwischen ihren blätternden Fingern etliche neue.
Dann: Nur noch zwei.
Aber dann – wieder sieben!
Sie las sehr gut, geübt, pointiert, fast wie eine Schauspielerin, sonst hätte ich das nicht durchgehalten.
Später, beim Wein, fragte mich jemand: "Sie saßen in der ersten Reihe. Haben Sie gesehen, wie sie das gemacht hat?"
"Was gemacht?"
"Na, das mit den Textblättern. Es kamen immer neue." Ich war also nicht der einzige, der abgelenkt und ermüdet war.
Ich erfand eine wilde Geschichte (der Rotwein war gut), dass ich beobachtet hätte, dass unter dem Tisch eine Schublade mit Sprungfedern eingeklinkt war, und immer, wenn durch die Entnahme bereits gelesener Textteile das Gewicht an der Oberfläche zu gering war, wurden durch die sensiblen Federn ein paar neue Blätter nach oben geschoben. Diese Theorie wurde dann allgemein akzeptiert.
S. Sch. machte einen glücklichen Eindruck. Zu recht! Sie hat das ja auch gut gemacht. Nur der Lesetext war entsetzlich lang, es hätte eine Pause geben müssen. Und der Abschiedsbrief der Virginia Woolf hätte – aus meiner Sicht - an den Schluss gehört. Ansonsten ein gewinnbringender Abend. Wahrscheinlich für alle.
S. Sch., eine beliebte und erfahrene Journalistin und Lyrikerin aus Augsburg, hat sich die Mühe gemacht, zu recherchieren. Im Bobinger Schlösschen kamen einige Zuschauerinnen und Zuschauer zusammen, über 30 interessierte Leute, der Raum war voll. S. Sch. trug interessante Details vor, las über eine Posse (Woolf und ihre Freunde spielten "Kaiser von Abessinien" und ließen sich von der britischen Marine empfangen und bewirten – sowas schafft heute nur noch Hape Kerkeling), es war sehr lustig – und dann der Abschiedsbrief vor V.W.'s Selbstmord – sehr eindrucksvoll. Dann kam eine Textlesung – Mrs. Dalloway geht durch die Straßen, Mrs. Dalloway gibt einen Empfang. Mein Gott, wie lange habe ich Mrs. X nicht gesehen, und wer ist denn der schlanke Mann in Begleitung von Mrs. Y? Wie groß ist der Premierminister, und was hat er heute an? Ach, und Mrs. C., endlich, nach zwanzig Jahren! Tolles Kleid, meine Liebe! Und das eine ganze Stunde, ohne Pause.
Das soll keine Meckerei von mir sein – da Ganze war auf hohem Niveau, gut vorgetragen, mit einer bewundernswerten Fähigkeit: Wenn ich etwas vortrage und mich verspreche, stutze ich, verheddere mich und muss den Satz neu anfangen. Und S. Sch. ? Sie merkt es, lässt sich nicht beirren, liest weiter – virtuos wie eine Orgelspielerin, die mit dem Absatz in den Pedalen hängen bleibt, mitten im Konzert. Weiterspielen! Die meisten Zuhörer haben nicht einmal etwas gemerkt.
Nach einer halben Stunde "Mrs. Dalloway" schielte ich auf das Manuskript, das auf dem Tisch lag. Blatt für Blatt wendete sich, und ich dachte: Nur noch zwei Seiten.
Plötzlich lagen da noch sieben oder acht.
Als diese fast vorgelesen waren, erschienen zwischen ihren blätternden Fingern etliche neue.
Dann: Nur noch zwei.
Aber dann – wieder sieben!
Sie las sehr gut, geübt, pointiert, fast wie eine Schauspielerin, sonst hätte ich das nicht durchgehalten.
Später, beim Wein, fragte mich jemand: "Sie saßen in der ersten Reihe. Haben Sie gesehen, wie sie das gemacht hat?"
"Was gemacht?"
"Na, das mit den Textblättern. Es kamen immer neue." Ich war also nicht der einzige, der abgelenkt und ermüdet war.
Ich erfand eine wilde Geschichte (der Rotwein war gut), dass ich beobachtet hätte, dass unter dem Tisch eine Schublade mit Sprungfedern eingeklinkt war, und immer, wenn durch die Entnahme bereits gelesener Textteile das Gewicht an der Oberfläche zu gering war, wurden durch die sensiblen Federn ein paar neue Blätter nach oben geschoben. Diese Theorie wurde dann allgemein akzeptiert.
S. Sch. machte einen glücklichen Eindruck. Zu recht! Sie hat das ja auch gut gemacht. Nur der Lesetext war entsetzlich lang, es hätte eine Pause geben müssen. Und der Abschiedsbrief der Virginia Woolf hätte – aus meiner Sicht - an den Schluss gehört. Ansonsten ein gewinnbringender Abend. Wahrscheinlich für alle.
buecherdidi - 29. Sep, 01:08