20
Mrz
2010

SOLOTHURN und das Kabinett für sentimentale Trivialliteratur

Drei Tage Reise liegen hinter uns – ein Kurzurlaub, der mir nachträglich vorkommt wie eine ganze Woche und auch so erholsam war. Und schön!
Ich war zu einer Veranstaltung ins "Kabinett für sentimentale Trivialliteratur" nach Solothurn eingeladen – eine Gelegenheit, diese Schweizer Stadt zu besuchen und mit Analyn ein paar schöne Erlebnisse zu haben.
Die hatten wir! Geplant war, über Kempten, Immenstadt und Lindau zu fahren, damit Analyn einmal die Berge im Winter und dann den Bodensee in voller Länge sieht, aber der Allgäu-Zug hatte einen Kupplungsschaden, und nachdem eine Stunde lang herumprobiert worden war, wurden die Fahrgäste auf den Zug nach Bad Wörishofen verwiesen, der gnädig zwei Minuten wartete. Wir entschieden uns, stattdessen über Ulm zu fahren – die Strecke quer durch den flachen Teil es Allgäus nach Friedrichshafen, und dann den unteren Bodensee entlang über Singen, Schaffhausen und am Hochrhein entlang nach Basel. Von dort gibt es eine gut funktionierende (weil schweizerische) S-Bahn nach Basel. Die Züge in Bayern sind zwar modern, aber funktionieren nicht, in Baden-Württemberg funktionieren sie, sind aber heruntergekommen: durchgesessene Sitze, lautes Dieselgetöse, beschädigte und verschlossene Toiletten usw. Es ist, als käme man plötzlich in die DDR – das Erlebnis hatte ich bei früheren Gelegenheiten schon. Wir stiegen in Basel SBB um und hatten dort Zeit – Analyn hatte bisher noch nie einen so riesigen Bahnhof gesehen und war entsprechend beeindruckt. Schade, dass wir kaum Geld in der Tasche hatten, es gab so Vieles in den Geschäften, das uns verlockt hätte.
In Lörrach haben wir bei einer alten Freundin übernachtet. Sie ist rapide gealtert, nachdem ihre Tochter sich mit ihr überworfen hat. Es ist schlimm, mit anzusehen, wie sich jemand, der aktiv im Leben stand und so vielen Menschen geholfen hat, nun rapide aus dem Leben zurückzieht. Sie isst und trinkt kaum, fühlt sich deshalb dauernd müde und elend, es ist ein schleichender Selbstmord, schon seit vier, fünf Jahren, aber jetzt habe ich das Gefühl, dass sie wirklich nicht mehr lange leben wird. Sie ist keiner Hilfe, keinem Argument mehr zugänglich.
Am Morgen fuhren wir früh mit der S-Bahn nach Basel, dann über Olten nach Solothurn. Von der Landschaft haben wir nicht viel zu sehen bekommen, denn es ging meist durch Tunnel oder zwischen Lärmschutzwänden hindurch. Wenn wir mal Aussicht aus dem Zugfenster hatten, ging es meist auf Industrieanlagen hinaus.
In Solothurn wurden wir von Herrn Zipperlen empfangen, einem freundlichen Pensionär, der uns erst durchs "Kabinett" und dann durch die Stadt führte. Das "Kabinett", vollständig "Kabinett für sentimentale Trivialliteratur", ist ein kleines, aber hervorragend ausgestattetes Museum, das auf Privatinitiative gegründet und wohl weltweit einzigartig ist. Auf mehreren Etagen eines kleinen, uralten und aufwändig restaurierten Bürgerhauses an einem zentral gelegenen Platz (Klosterplatz 7) in der Ortsmitte, kaum zehn Minuten vom Bahnhof. Es gibt hier eine umfangreiche Sammlung früher Unterhaltungsliteratur, in der nicht nur die "Gartenlaube" und zahlreiche ähnliche Zeitschriften, sondern auch Rosegger, Gerstäcker, Eugenie Marlitt und andere vertreten sind. Prachtvolle Bände, sehr gepflegte Erstausgaben – man könnte stundenlang diese Sammlung bewundern und so manche vergessene Autorin und manchen vergessenen Autor hier wiederentdecken (so wie ich mich plötzlich an die Romane von Jakob Christoph Heer erinnerte, die ich gern und mit viel Herzblut gelesen habe, besonders "Wetterwart" und "An heiligen Wassern"). Zum Teil empfinden wir diese Literatur heute lediglich als trivial, da uns der damalige Zeitgeist nicht mehr nahe ist – zum Teil hat diese Literatur zu ihrer Zeit viel für die allgemeine Volksbildung getan und vor allem zur Emanzipation der Fraubeigetragen, und so ist es nicht verwunderlich, dass auch Bertha von Suttner (aus deren Werk "Die Waffen nieder!" ich am 12. Mai in Augsburg lese) hier vertreten ist, sogar mit einem Originalbrief.
In Erinnerung ist mir auch ein prächtiger Bildband mit Kostümen aus verschiedenen Epochen – wer sich als Autor mit historischen Romanen befasst, hat hier eine wahre Fundgrube für die Recherche.
Ich ließ meine Tasche im "Kabinett" (in der obersten Etage ist ein gemütlicher Raum für Veranstaltungen), und wir folgten Herrn Zipperlen zum Stadtrundgang – zuerst zur klassizistischen Sankt-Ursen-Kathedrale (genauer: "St. Urs und Viktor"), einem prächtigen Bau, der das Wahrzeichen der Stadt ist. Elf Glocken, elf Altäre, elf Ausgänge, dreimal elf Stufen – die Zahl elf spielt in Solothurn eine große Rolle, da die Stadt und das dazugehörige Land im 15. Jahrhundert als elfter Kanton der Schweiz beitrat. So gibt es auch elf Brunnen in der Altstadt, meist schöne alte Renaissancebrunnen. Wenn man um die Kathedrale herumgeht, sieht man nicht nur eines der schönen alten Stadttore, sondern hat auch einen romantischen Blick über die Dächer und hinunter zur Aare. Von den Stufen vor dem Haupteingang sieht man zur barocken Jesuitenkirche und zum Zeitglocken-Turm, dem ältesten Gebäude der Stadt. An dessen Uhr entdeckt man eine Figurengruppe, Ritter und Tod, und die Stadtheiligen Urs und Viktor. Da mein wichtigstes Pseudonym "Viktor Glass" ist, habe ich von jetzt an eine besondere Beziehung zu dieser Stadt. Der ganze Rundgang war beeindruckend – alte Barockbauten, enge Gassen, viele kleine Geschäfte – eine lebendige Stadt. Untermalt wurde unser Weg übrigens von einer Blaskapelle aus Basel, die mit Trommeln und Trompeten durch die Stadt zog und uns immer wieder begegnete.
Herr Zipperlen lud uns zum Essen in einem kleinen, gemütlichen Lokal ein, zugleich Speisegaststätte und "Beiz", mit einer verglasten Trennwand in der Mitte, so dass man zum "Raucherabteil" hinüber schauen konnte. Bei einem guten Risotto und einem Glas Most ließen wir die Eindrücke einsinken.
Die anschließende Lesung fand in sehr angenehmer Atmosphäre statt. Der kleine Raum war gemütlich hergerichtet, es hatten etwa zwanzig Leute gut Platz, und es war eine besondere Ehre für mich, dass die Stifterin des Museums, Frau Lotte Ravicini-Tschumi, persönlich anwesend war, mit Gemahl und Tochter. Nach einleitenden Worten von Herrn Zipperlen fand ich aufmerksame Zuhörer für meinen kleinen Vortrag über heutige Trivialliteratur, und anschließend eine Reihe interessierter Fragen, die sich später beim "Apero", bei Wein oder Orangensaft und hausgemachtem Gebäck, noch fortsetzten. Reich beschenkt mit Wein, Blumen, Kuchen und einem "Türschild" aus Marzipan zogen wir abends wieder Richtung Lörrach los, mit dem angenehmen Gefühl, willkommene Gäste gewesen zu sein bei Menschen, die in guter Erinnerung bleiben. Gewiss sind wir nicht das letzte Mal in Solothurn gewesen.
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