Bin wieder lesbar!
10. September 2009
Seit Mai habe ich nichts mehr hie vermeldet – aber nicht, weil nichts passiert ist, sondern eher zu viel. Freunde glaubten, ich sei in Pagudpud im Norden der Philippinen verschollen, aber ich bin heil wieder nach Hause gekommen – leider allein.
Wir fuhren von Pagudpud, unserem wundervollen "Blue Lagoon"-Strand, mit dem Bus zurück nach Manila. Zuerst warteten wir etwa drei Stunden an der Bushaltestelle, doch langweilig war uns nicht. Immerhin waren wir zu zweit… Ich hatte inmitten dieser herrlichen Landschaft mit türkisblauem Meer und windgepeitschten Palmen nur Augen für meine wunderschöne Frau. Der Bus kam, wir fanden zum Glück noch zwei Plätze nebeneinander, die frei waren, Analyn rollte sich zum Schlafen zusammen, ich schaute hinaus, sah Pagudpud, Bangui und Laoag, dann wurde es dunkel. In Vigan City stiegen zwei junge Frauen zu, eine besetzte den Platz vor mir, lehnte sich an – und zack, brach die Halterung der Lehne, und sie schlug mir auf die Knie. Ich drückte die Lehne nach vorn, für zehn Minuten ging es, dann wanderte die Lehne wieder auf mich zu, bis ich erneut eingeklemmt war. Rund zwanzig Mal musste ich die Mitreisende vor mir wecken. Tat mir ja Leid, aber ich hatte keine Wahl. Den Fahrer zu benachrichtigen hatte keinen Sinn, der gesamte Bus war ja marode. Der Gang war voll mit Gepäck – bei den Pinkelpausen, die ich immer nutzte, um meine Beine zu bewegen und mich draußen aufzuwärmen (die Klimaanlage war kaputt und kühlte den Bus auf acht Grad herunter – ich hatte meine warme Jacke dazu verwendet, um meine schlafende Frau damit zu bedecken). Die Busbahnhöfe in den Städten waren immer hell erleuchtet. Auch nachts um zwei (San Fernando? Urdaneta?) waren Geschäfte und Restaurants offen. Mehrmals durchfuhren wir Ortschaften, in denen Feste stattfanden – die Straßen waren hell erleuchtet, überall saßen die Leute im Freien, es war schon großartig, das zu sehen. Im Morgengrauen waren wir wieder in Manila.
Traurige Tage folgten. Mein Visum lief ab, das Geld war alle, wir fuhren zur Botschaft und beantragten das Einreisevisum für Analyn – sie musste warten, und sie wartet noch. Viereinhalb Monate sind seitdem vergangen. Wir hatten gedacht, es könne nur ein paar Wochen dauern, aber da haben wir uns getäuscht. Inzwischen musste ich in Deutschland Anträge stellen, Fragebögen ausfüllen, Gebühren zahlen, ohne irgendwo eine klare Antwort zu bekommen. Die Zeit verstreicht. Der Jahrestag unserer Verlobung kam, Analyns Geburtstag kam, mein Geburtstag kam… Wir sind immer noch getrennt.
Sie leidet sehr – einerseits unter dieser Trennung, andererseits unter der Lebenssituation. Sie hat in den letzten Monaten bei Verwandten gewohnt, nachdem das Mietverhältnis in unserem Wasserturm geendet hatte – mal hier drei Wochen, mal da drei Wochen, am längsten bei einem Onkel, wo sie aber schließlich die Flucht ergriffen hat, weil es mit dessen Sohn zu einem Missverständnis kam. Nun wohnt sie seit einiger Zeit bei ihrer Mutter. Kaum war sie dorthin zurückgekehrt, erhielt sie einen Hausbesuch von zwei Herren, die sich als Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Manila ausgaben und ihre Lebenssituation überprüfen wollten. Sehr merkwürdig! Ich habe einen Freund gefragt, der schon in Rente ist, aber früher geraume Zeit bei der Botschaft in Manila gearbeitet hat – ihm kam die ganze Sache sehr unwahrscheinlich vor. Hausbesuche in über 500 km Entfernung?
Ich weiß nicht, was ich noch machen kann. Die Telefonrechnung steigt ins unermessliche. Ich habe Analyn meine Visa-Karte dagelassen, sie geht damit sehr behutsam um und hebt kaum etwas ab – sie lebt also sehr karg. Ich wünschte, sie wäre hier, ich vermisse sie sehr. Diese verfluchten Behörden wissen gar nicht, was sie anrichten. Sämtliche Beamten, mit denen ich bisher in dieser Sache zu tun hatte, war sehr freundlich und zuvorkommend, aber das System insgesamt ist für'n Arsch. Wann ist man schon so lange getrennt, und das kurz nach der Hochzeit? Eigentlich nur im Krieg. Ich werde wohl künftig meine Briefe mit der Bezeichnung "Feldpost" versenden.
Gereist bin ich in diesen viereinhalb Monaten nur einmal – ich war für eine Woche in Lörrach, bin die Bodensee-Strecke über Lindau, Singen, Schaffhausen gefahren, weil ich mich in Lindau mit dem Kollegen Fritz Reutemann traf. Ich hatte damit gerechnet, dass ich jetzt im Herbst mehr reisen kann, weil mein Goethe-Buch ("Goethes Hinrichtung") inzwischen erschienen ist, aber bis auf eine einzige (unbezahlte!) Lesung in Weimar habe ich bis jetzt keinen Termin. Nächste Woche werde ich in der "Höhle des Löwen" sein – zuerst wollte ich ja nicht nach Weimar, weil ich die Auseinandersetzungen meiden wollte, aber was kann mir eigentlich passieren? Inzwischen ist mir klar, dass es eine Ehre ist, in der "Klassik-Stiftung Weimar / Schiller- und Goethe-Archiv" zu lesen. Damit kann ich werben, und ich kann darauf stolz sein, egal wie es ausgeht. Analyn ist nicht dabei. Eine Schande!
Ich werde diesen Blog künftig weiterführen und öfter bedienen, damit meine Freunde oder auch Zufallsleser erfahren, wie es weitergeht – mit meinen Reisen, meinem Beruf und vor allem mit meiner Ehe. So, und jetzt schreibe ich an den Außenminister, der immerhin der Dienstvorgesetzte der deutschen Botschaften im Ausland ist, und verlange, dass meine Briefe an meine Frau künftig kostenlos befördert werden, wie andere Feldpostbriefe (nach Afghanistan, ins Kosovo usw.) ja auch.
Seit Mai habe ich nichts mehr hie vermeldet – aber nicht, weil nichts passiert ist, sondern eher zu viel. Freunde glaubten, ich sei in Pagudpud im Norden der Philippinen verschollen, aber ich bin heil wieder nach Hause gekommen – leider allein.
Wir fuhren von Pagudpud, unserem wundervollen "Blue Lagoon"-Strand, mit dem Bus zurück nach Manila. Zuerst warteten wir etwa drei Stunden an der Bushaltestelle, doch langweilig war uns nicht. Immerhin waren wir zu zweit… Ich hatte inmitten dieser herrlichen Landschaft mit türkisblauem Meer und windgepeitschten Palmen nur Augen für meine wunderschöne Frau. Der Bus kam, wir fanden zum Glück noch zwei Plätze nebeneinander, die frei waren, Analyn rollte sich zum Schlafen zusammen, ich schaute hinaus, sah Pagudpud, Bangui und Laoag, dann wurde es dunkel. In Vigan City stiegen zwei junge Frauen zu, eine besetzte den Platz vor mir, lehnte sich an – und zack, brach die Halterung der Lehne, und sie schlug mir auf die Knie. Ich drückte die Lehne nach vorn, für zehn Minuten ging es, dann wanderte die Lehne wieder auf mich zu, bis ich erneut eingeklemmt war. Rund zwanzig Mal musste ich die Mitreisende vor mir wecken. Tat mir ja Leid, aber ich hatte keine Wahl. Den Fahrer zu benachrichtigen hatte keinen Sinn, der gesamte Bus war ja marode. Der Gang war voll mit Gepäck – bei den Pinkelpausen, die ich immer nutzte, um meine Beine zu bewegen und mich draußen aufzuwärmen (die Klimaanlage war kaputt und kühlte den Bus auf acht Grad herunter – ich hatte meine warme Jacke dazu verwendet, um meine schlafende Frau damit zu bedecken). Die Busbahnhöfe in den Städten waren immer hell erleuchtet. Auch nachts um zwei (San Fernando? Urdaneta?) waren Geschäfte und Restaurants offen. Mehrmals durchfuhren wir Ortschaften, in denen Feste stattfanden – die Straßen waren hell erleuchtet, überall saßen die Leute im Freien, es war schon großartig, das zu sehen. Im Morgengrauen waren wir wieder in Manila.
Traurige Tage folgten. Mein Visum lief ab, das Geld war alle, wir fuhren zur Botschaft und beantragten das Einreisevisum für Analyn – sie musste warten, und sie wartet noch. Viereinhalb Monate sind seitdem vergangen. Wir hatten gedacht, es könne nur ein paar Wochen dauern, aber da haben wir uns getäuscht. Inzwischen musste ich in Deutschland Anträge stellen, Fragebögen ausfüllen, Gebühren zahlen, ohne irgendwo eine klare Antwort zu bekommen. Die Zeit verstreicht. Der Jahrestag unserer Verlobung kam, Analyns Geburtstag kam, mein Geburtstag kam… Wir sind immer noch getrennt.
Sie leidet sehr – einerseits unter dieser Trennung, andererseits unter der Lebenssituation. Sie hat in den letzten Monaten bei Verwandten gewohnt, nachdem das Mietverhältnis in unserem Wasserturm geendet hatte – mal hier drei Wochen, mal da drei Wochen, am längsten bei einem Onkel, wo sie aber schließlich die Flucht ergriffen hat, weil es mit dessen Sohn zu einem Missverständnis kam. Nun wohnt sie seit einiger Zeit bei ihrer Mutter. Kaum war sie dorthin zurückgekehrt, erhielt sie einen Hausbesuch von zwei Herren, die sich als Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Manila ausgaben und ihre Lebenssituation überprüfen wollten. Sehr merkwürdig! Ich habe einen Freund gefragt, der schon in Rente ist, aber früher geraume Zeit bei der Botschaft in Manila gearbeitet hat – ihm kam die ganze Sache sehr unwahrscheinlich vor. Hausbesuche in über 500 km Entfernung?
Ich weiß nicht, was ich noch machen kann. Die Telefonrechnung steigt ins unermessliche. Ich habe Analyn meine Visa-Karte dagelassen, sie geht damit sehr behutsam um und hebt kaum etwas ab – sie lebt also sehr karg. Ich wünschte, sie wäre hier, ich vermisse sie sehr. Diese verfluchten Behörden wissen gar nicht, was sie anrichten. Sämtliche Beamten, mit denen ich bisher in dieser Sache zu tun hatte, war sehr freundlich und zuvorkommend, aber das System insgesamt ist für'n Arsch. Wann ist man schon so lange getrennt, und das kurz nach der Hochzeit? Eigentlich nur im Krieg. Ich werde wohl künftig meine Briefe mit der Bezeichnung "Feldpost" versenden.
Gereist bin ich in diesen viereinhalb Monaten nur einmal – ich war für eine Woche in Lörrach, bin die Bodensee-Strecke über Lindau, Singen, Schaffhausen gefahren, weil ich mich in Lindau mit dem Kollegen Fritz Reutemann traf. Ich hatte damit gerechnet, dass ich jetzt im Herbst mehr reisen kann, weil mein Goethe-Buch ("Goethes Hinrichtung") inzwischen erschienen ist, aber bis auf eine einzige (unbezahlte!) Lesung in Weimar habe ich bis jetzt keinen Termin. Nächste Woche werde ich in der "Höhle des Löwen" sein – zuerst wollte ich ja nicht nach Weimar, weil ich die Auseinandersetzungen meiden wollte, aber was kann mir eigentlich passieren? Inzwischen ist mir klar, dass es eine Ehre ist, in der "Klassik-Stiftung Weimar / Schiller- und Goethe-Archiv" zu lesen. Damit kann ich werben, und ich kann darauf stolz sein, egal wie es ausgeht. Analyn ist nicht dabei. Eine Schande!
Ich werde diesen Blog künftig weiterführen und öfter bedienen, damit meine Freunde oder auch Zufallsleser erfahren, wie es weitergeht – mit meinen Reisen, meinem Beruf und vor allem mit meiner Ehe. So, und jetzt schreibe ich an den Außenminister, der immerhin der Dienstvorgesetzte der deutschen Botschaften im Ausland ist, und verlange, dass meine Briefe an meine Frau künftig kostenlos befördert werden, wie andere Feldpostbriefe (nach Afghanistan, ins Kosovo usw.) ja auch.
buecherdidi - 10. Sep, 20:01