[>>]

9
Nov
2009

Sie kommt, sie kommt!

Habe sie gerade auf dem Handy angerufen - sie ist bereits von Pagudpud nach Manila gefahren und kauft morgen das Ticket. Voraussichtlich ist sie am 30. 11. dann schon hier. Jetzt rennt die Zeit, und das ist gut so. Wir können die Tage zählen. Ich werde sie am Flughafen in München abholen. Endlich werden wir wieder zusammen sein! Das halbe Jahr der Trennung war kaum auszuhalten.
Heute ging mir die Arbeit sehr rasch von der Hand. Klar.
S_IMGP2006

8
Nov
2009

Sie kommt! Tschüs Ebay!

Analyn hat ihr Visum zugesagt bekommen! Jetzt muss sie das Ticket kaufen (Geld dafür habe ich ihr geschickt), damit zur deutschen Botschaft gehen - und in zwei oder drei Wochen wird sie hier sein. Ich muss schleunigst meine Wohnung aufräumen! Ich freue mich, dass ich meine Liebste nun bald wieder in die Arme nehmen kann.
Abends wollte ich Bücher bei Ebay einstellen, um ein wenig Platz zu schaffen - ging nicht, weil ich Porto berechnen wollte. Bücher müssen jetzt versandkostenfrei verschickt werden. Bin ich denn blöd? Ich biete immer zum startpreis von 1 Euro an - wenn ich dafür kein höheres Gebot bekomme, verschicke ich es - Porto kostet 85 Cent, der Umschlag 25 - da mache ich ja Verlust. Ab sofort nur noch bei booklooker - als Anbieter "Buecherdidi".

3
Nov
2009

Toller Regentag

Zuerst sah es nicht gut aus: Geregnet hat es den ganzen Tag. Der Boden war mit gelben und braunen Blättern bedeckt, nass und rutschig. Ich war bei der Post und habe Mahnungen aus meinem Fach geholt, dazu die Reklame eines russischen Supermarkts – fettes Fleisch und fetter Fisch: besonders billig. Weißkraut für 29 Cent das Kilo. Ich überlege, ob ich nicht lerne, einzukochen oder Sauerkraut zu machen. Fisch esse ich sowieso gleich schwarmweise. Ein Kistchen goldener Sprotten, kalt geräuchert, macht mich viel glücklicher als eine dicke Tafel weißer Luftschokolade.
Bei Jokers wollte ich mir einen Krimi kaufen, um ihn auf langen Bus- und Straßenbahnfahrten zu lesen, fand auch einen, und dann entdeckte ich im englischen Regal eine Buch-Kassette mit vier Oktavbänden Lyrik: Elizabeth B. Browning, Henry W. Longfellow, Emily Dickinson, Walt Whitman. Jeweils Hardcover mit Schutzumschlag, Lesebändchen und über 220 Seiten "Selected Poems". Restauflage, unbeschädigt, ohne Remittendenstrich. Von Gramercy Books, Random House, New York. Oben auf dem Schuber eine leichte Eindellung von weniger als einem halben Zentimeter Durchmesser, aber die gesamte Kassette dafür herabgesetzt auf 4,99 Euro. Ich konnte die kleine Sammlung für diesen Preis nicht einem wildfremden Schicksal überlassen und habe sie deshalb adoptiert. Nun sitze ich hier zwischen "I hear America Singing" (Whitman), "To make a prairie it takes a clover and one bee" (Dickinson), "The Song of Hiawatha" (Longfellow) und "Life: Each creature holds an insular place in space…" (Browning). Eine unglaubliche Sammlung. Es gibt noch eine zweit Kassette mit Frost, Poe, Sandburg und Yeats, aber die ist natürlich komplett vergriffen. Schade. Wenn wenigstens noch ein Exemplar da gewesen wäre, hätte ich freiwillig eine Delle in den Schuber gemacht und das Ganze dann herabsetzen lassen. Vier neunundneunzig, alles zusammen? Beide Kassetten? Danke, gern! Ich empfehle Sie weiter! Bis morgen!

2
Nov
2009

Das verrückte Mädchen aus Kurdistan - Deli kiz erzurumdan

Manchmal verreise ich nicht real, sondern in meinem PC. Youtube gibt mir das richtige Ticket. Tibet, Kasachstan, Uiguristan, Kurdistan: Manchmal träume ich mich da hin. Vermutlich würde ich in den kahlen Landschaften erfrieren, in den feuchten Häusern ersticken oder an den Folklorebrüsten trachtenverbrämter Mädchen verdursten. Bei Youtube finde ich sibirische Rinderschlächterinnen, die tanzend mit dem Beil in der Hand einem Yak den Schädel spalten und singen: "Der Mann, der mich erobern will, muss mich zuerst besiegen." Wagners Brynhilde, vorübergehend mit Lenin vermählt, lässt grüßen.
Erfrischend ist daher also dieser weltberühmte Transvestit aus Kurdistan, auch wenn sein wahrer Name nicht bekannt ist. Wenn man Youtube aufruft, gibt man einfach bei der Suche "Deli Kiz Erzurumdan" ein – "Das verrückte Mädchen aus Erzurum". Es erscheint ein Mann um die 50, in graubraunen Frauenkleidern längst vergangener kurdischer Großmuttermode – und er tanzt zur Schalmei wie eine Jungfrau auf dem Donnerbalken, Dünnschiss nur leicht versteckt. Was will der Künstler damit sagen?
Wahrscheinlich ist das eine geschickte Werbung für MTV, denn wer darüber nicht nachdenken will, schaltet gleich dahin um.
Ich habe kein MTV, schaue mir den Schamanen folglich noch mal an und lasse meinen Steuerberater durchrechnen, welches Startkapital ich für die Gründung einer Sekte (für den Anfang die Variante ohne allgemeinen Geschlechtsverkehr) brauche. Vielleicht sollte ich die Irre aus Erzurum dafür engagieren. Kein Problem. Sie oder er wohnt ja in Berlin und leitet eine klassische Gemüsehalle mit dem schönen Namen "Sarrazinum".

29
Sep
2009

VIRGINIA WOOLF IN BOBINGEN

Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Ich nicht. Deshalb war ich auch heute mit einem Kollegen bei einem Vortrag über Virginia Woolf im Bobinger Schlösschen. Das Thema hat mich interessiert, ich wusste sehr wenig über diese Frau, habe vielleicht mal ein Buch nach zehn Seiten weggelegt. Nun also dieses Abenteuer. Wir waren voller Erwartung.
S. Sch., eine beliebte und erfahrene Journalistin und Lyrikerin aus Augsburg, hat sich die Mühe gemacht, zu recherchieren. Im Bobinger Schlösschen kamen einige Zuschauerinnen und Zuschauer zusammen, über 30 interessierte Leute, der Raum war voll. S. Sch. trug interessante Details vor, las über eine Posse (Woolf und ihre Freunde spielten "Kaiser von Abessinien" und ließen sich von der britischen Marine empfangen und bewirten – sowas schafft heute nur noch Hape Kerkeling), es war sehr lustig – und dann der Abschiedsbrief vor V.W.'s Selbstmord – sehr eindrucksvoll. Dann kam eine Textlesung – Mrs. Dalloway geht durch die Straßen, Mrs. Dalloway gibt einen Empfang. Mein Gott, wie lange habe ich Mrs. X nicht gesehen, und wer ist denn der schlanke Mann in Begleitung von Mrs. Y? Wie groß ist der Premierminister, und was hat er heute an? Ach, und Mrs. C., endlich, nach zwanzig Jahren! Tolles Kleid, meine Liebe! Und das eine ganze Stunde, ohne Pause.
Das soll keine Meckerei von mir sein – da Ganze war auf hohem Niveau, gut vorgetragen, mit einer bewundernswerten Fähigkeit: Wenn ich etwas vortrage und mich verspreche, stutze ich, verheddere mich und muss den Satz neu anfangen. Und S. Sch. ? Sie merkt es, lässt sich nicht beirren, liest weiter – virtuos wie eine Orgelspielerin, die mit dem Absatz in den Pedalen hängen bleibt, mitten im Konzert. Weiterspielen! Die meisten Zuhörer haben nicht einmal etwas gemerkt.
Nach einer halben Stunde "Mrs. Dalloway" schielte ich auf das Manuskript, das auf dem Tisch lag. Blatt für Blatt wendete sich, und ich dachte: Nur noch zwei Seiten.
Plötzlich lagen da noch sieben oder acht.
Als diese fast vorgelesen waren, erschienen zwischen ihren blätternden Fingern etliche neue.
Dann: Nur noch zwei.
Aber dann – wieder sieben!
Sie las sehr gut, geübt, pointiert, fast wie eine Schauspielerin, sonst hätte ich das nicht durchgehalten.
Später, beim Wein, fragte mich jemand: "Sie saßen in der ersten Reihe. Haben Sie gesehen, wie sie das gemacht hat?"
"Was gemacht?"
"Na, das mit den Textblättern. Es kamen immer neue." Ich war also nicht der einzige, der abgelenkt und ermüdet war.
Ich erfand eine wilde Geschichte (der Rotwein war gut), dass ich beobachtet hätte, dass unter dem Tisch eine Schublade mit Sprungfedern eingeklinkt war, und immer, wenn durch die Entnahme bereits gelesener Textteile das Gewicht an der Oberfläche zu gering war, wurden durch die sensiblen Federn ein paar neue Blätter nach oben geschoben. Diese Theorie wurde dann allgemein akzeptiert.
S. Sch. machte einen glücklichen Eindruck. Zu recht! Sie hat das ja auch gut gemacht. Nur der Lesetext war entsetzlich lang, es hätte eine Pause geben müssen. Und der Abschiedsbrief der Virginia Woolf hätte – aus meiner Sicht - an den Schluss gehört. Ansonsten ein gewinnbringender Abend. Wahrscheinlich für alle.

28
Sep
2009

Allein. Lesung in Weimar.

Schlaflose Nacht. Bin gegen 4 Uhr früh aufgestanden, habe im Arbeitszimmer aufgeräumt, die Ablage auf den neuesten Stand gebracht, Zettelkram sortiert, Einiges weggeworfen. Bedrückte Stimmung, nicht nur wegen des Wahlausgangs. Finanzielle Sorgen, diese vorübergehend, aber vor allem Kummer, weil Analyn mir fehlt. Am 30. April haben wir geheiratet, man gibt ihr immer noch nicht das Visum, mit dem sie in Deutschland einreisen dürfte. Sie fehlt mir in jeder Hinsicht. Sie hätte sich mit mir gefreut, als diese Woche ein toller Bericht über mich und mein neues Buch in der Augsburger Allgemeinen erschien, verfasst von Sybille Schiller, und sie wäre mir ein Trost auf der Reise nach Weimar gewesen. Ich stelle mir immer vor, sie ist ständig an meiner Seite, in jeder Situation, wie mein "Gedankengast", das nichtexistente Mädchen, das ich als Jugendlicher "neben mir" hatte und mit dem ich mich über alles unterhalten konnte.
Dieses Mädchen "neben mir" war imaginär, Analyn ist real, ein Mensch aus Fleisch und Blut mit Gefühlen, Träumen, Hoffnungen. Ich weiß nicht, warum die Behörden so brutal sein können, uns so lange zu trennen. Ich fühle ihr Fehlen körperlich, als würde man mir die inneren Organe herauszerren. Analyn sitzt seit Monaten in Pagudpud fest, bei ihrer Mutter, kümmert sich um die Kinder ihrer Verwandtschaft, wünscht sich ein eigenes, fühlt sich immer älter werden – und ich selbst werde es tatsächlich. Dass wir nun täglich telefonieren, hilft nicht über die Trennung hinweg. Mich packt langsam eine Wut, und ich mache diese Sache nun zunehmend öffentlich. In Weimar habe ich bei einem Rundfunk-Interview gesagt: Schade, dass meine Frau nicht dabei sein kann und diese Reise und meinen Auftritt in der "Klassik-Stiftung" miterlebt.
Weimar war eigentlich gar nicht freundlich. Schon die Anreise: Bei Sonnenschein bin ich am 15. September früh in Augsburg losgefahren, mit dem Bummelzug, da ich gehalten war, die billigste Möglichkeit zu wählen. Über Nürnberg, Bamberg und durch Frankenwald / Thüringer Wald nach Saalfeld, dann über Arnstadt und Erfurt nach Weimar. Schob bei Lichtenfels war die Sonne verschwunden, das Gebirge in dichtem Nebel, dahinter wurde es auch nicht besser – ein düsteres Land, dem man zumindest in baulicher Hinsicht noch die DDR ansieht. Durch Zugverspätungen hatte ich Anschlüsse verpasst und kam nur eineinhalb Stunden vor meiner Lesung am Bahnhof an. Rasch zum Hotel! Duschen! Umziehen! Die Busfahrt in die Innenstadt zeigte mir einige prächtige Bauten – Bibliotheken, Kunstsammlungen, Theater, Forschungsstätten, alles gelbgrau und regendurchnässt. Um das Kleinstädtische zu verbergen, ist hier dem Namen nach alles "National", mit Großbuchstaben. Als Denkmal an die Provinzialität hat man mitten in die Stadt einen riesigen weißen Block gebaut, völlig schmucklos. Keine Fabrikhalle, sondern ein Einkaufszentrum.
Das Hotel "Amalienhof": Großer Name, Mittelklasse. Hatte eine Dachkammer. Teppich und Tapete im gleichen Muster, Schreibtisch vorhanden. Keine Minibar, das Bier holt man drei Etagen tiefer am Empfang.
Im Halbdunkel des Spätnachmittags dann der Weg zum Veranstaltungsort. Am Rande eines Parks an der Ilm dann ein einsames Plakat mit dem Hinweis auf meine Buchvorstellung, vom Regen zerzaust. Ein schönes Foyer, üppig bestuhlt, eine nette Kuratorin, ein frustrierter Buchhändler, wenige Gäste (wer verlässt bei dem Wetter schon das Haus?), ein paar gezielte Fragen aus dem Publikum, touché oder auch voll daneben. In der Zeitung später eine böswillige Rezension, aber wie ich hörte, ist der Mann nicht ernst zu nehmen, macht alles nieder, was seiner Meinung nicht First Class ist. Und wenn man, wie ich, dem Goethe am Lack kratzt... Ich glaube, ich hätte das mit der Knabenliebe doch noch ein wenig bösartiger schreiben sollen, zu Ehren der Weimarer Denkmalschützer...
Zu Hause: Meine Frau fehlt mir. Ihr Geburtstagsbrief kam an. Trotz Express-Sendung und Luftpost ganze dreieinhalb Wochen unterwegs. Wie im Krieg halt.

10
Sep
2009

Bin wieder lesbar!

10. September 2009

Seit Mai habe ich nichts mehr hie vermeldet – aber nicht, weil nichts passiert ist, sondern eher zu viel. Freunde glaubten, ich sei in Pagudpud im Norden der Philippinen verschollen, aber ich bin heil wieder nach Hause gekommen – leider allein.
Wir fuhren von Pagudpud, unserem wundervollen "Blue Lagoon"-Strand, mit dem Bus zurück nach Manila. Zuerst warteten wir etwa drei Stunden an der Bushaltestelle, doch langweilig war uns nicht. Immerhin waren wir zu zweit… Ich hatte inmitten dieser herrlichen Landschaft mit türkisblauem Meer und windgepeitschten Palmen nur Augen für meine wunderschöne Frau. Der Bus kam, wir fanden zum Glück noch zwei Plätze nebeneinander, die frei waren, Analyn rollte sich zum Schlafen zusammen, ich schaute hinaus, sah Pagudpud, Bangui und Laoag, dann wurde es dunkel. In Vigan City stiegen zwei junge Frauen zu, eine besetzte den Platz vor mir, lehnte sich an – und zack, brach die Halterung der Lehne, und sie schlug mir auf die Knie. Ich drückte die Lehne nach vorn, für zehn Minuten ging es, dann wanderte die Lehne wieder auf mich zu, bis ich erneut eingeklemmt war. Rund zwanzig Mal musste ich die Mitreisende vor mir wecken. Tat mir ja Leid, aber ich hatte keine Wahl. Den Fahrer zu benachrichtigen hatte keinen Sinn, der gesamte Bus war ja marode. Der Gang war voll mit Gepäck – bei den Pinkelpausen, die ich immer nutzte, um meine Beine zu bewegen und mich draußen aufzuwärmen (die Klimaanlage war kaputt und kühlte den Bus auf acht Grad herunter – ich hatte meine warme Jacke dazu verwendet, um meine schlafende Frau damit zu bedecken). Die Busbahnhöfe in den Städten waren immer hell erleuchtet. Auch nachts um zwei (San Fernando? Urdaneta?) waren Geschäfte und Restaurants offen. Mehrmals durchfuhren wir Ortschaften, in denen Feste stattfanden – die Straßen waren hell erleuchtet, überall saßen die Leute im Freien, es war schon großartig, das zu sehen. Im Morgengrauen waren wir wieder in Manila.
Traurige Tage folgten. Mein Visum lief ab, das Geld war alle, wir fuhren zur Botschaft und beantragten das Einreisevisum für Analyn – sie musste warten, und sie wartet noch. Viereinhalb Monate sind seitdem vergangen. Wir hatten gedacht, es könne nur ein paar Wochen dauern, aber da haben wir uns getäuscht. Inzwischen musste ich in Deutschland Anträge stellen, Fragebögen ausfüllen, Gebühren zahlen, ohne irgendwo eine klare Antwort zu bekommen. Die Zeit verstreicht. Der Jahrestag unserer Verlobung kam, Analyns Geburtstag kam, mein Geburtstag kam… Wir sind immer noch getrennt.
Sie leidet sehr – einerseits unter dieser Trennung, andererseits unter der Lebenssituation. Sie hat in den letzten Monaten bei Verwandten gewohnt, nachdem das Mietverhältnis in unserem Wasserturm geendet hatte – mal hier drei Wochen, mal da drei Wochen, am längsten bei einem Onkel, wo sie aber schließlich die Flucht ergriffen hat, weil es mit dessen Sohn zu einem Missverständnis kam. Nun wohnt sie seit einiger Zeit bei ihrer Mutter. Kaum war sie dorthin zurückgekehrt, erhielt sie einen Hausbesuch von zwei Herren, die sich als Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Manila ausgaben und ihre Lebenssituation überprüfen wollten. Sehr merkwürdig! Ich habe einen Freund gefragt, der schon in Rente ist, aber früher geraume Zeit bei der Botschaft in Manila gearbeitet hat – ihm kam die ganze Sache sehr unwahrscheinlich vor. Hausbesuche in über 500 km Entfernung?
Ich weiß nicht, was ich noch machen kann. Die Telefonrechnung steigt ins unermessliche. Ich habe Analyn meine Visa-Karte dagelassen, sie geht damit sehr behutsam um und hebt kaum etwas ab – sie lebt also sehr karg. Ich wünschte, sie wäre hier, ich vermisse sie sehr. Diese verfluchten Behörden wissen gar nicht, was sie anrichten. Sämtliche Beamten, mit denen ich bisher in dieser Sache zu tun hatte, war sehr freundlich und zuvorkommend, aber das System insgesamt ist für'n Arsch. Wann ist man schon so lange getrennt, und das kurz nach der Hochzeit? Eigentlich nur im Krieg. Ich werde wohl künftig meine Briefe mit der Bezeichnung "Feldpost" versenden.
Gereist bin ich in diesen viereinhalb Monaten nur einmal – ich war für eine Woche in Lörrach, bin die Bodensee-Strecke über Lindau, Singen, Schaffhausen gefahren, weil ich mich in Lindau mit dem Kollegen Fritz Reutemann traf. Ich hatte damit gerechnet, dass ich jetzt im Herbst mehr reisen kann, weil mein Goethe-Buch ("Goethes Hinrichtung") inzwischen erschienen ist, aber bis auf eine einzige (unbezahlte!) Lesung in Weimar habe ich bis jetzt keinen Termin. Nächste Woche werde ich in der "Höhle des Löwen" sein – zuerst wollte ich ja nicht nach Weimar, weil ich die Auseinandersetzungen meiden wollte, aber was kann mir eigentlich passieren? Inzwischen ist mir klar, dass es eine Ehre ist, in der "Klassik-Stiftung Weimar / Schiller- und Goethe-Archiv" zu lesen. Damit kann ich werben, und ich kann darauf stolz sein, egal wie es ausgeht. Analyn ist nicht dabei. Eine Schande!
Ich werde diesen Blog künftig weiterführen und öfter bedienen, damit meine Freunde oder auch Zufallsleser erfahren, wie es weitergeht – mit meinen Reisen, meinem Beruf und vor allem mit meiner Ehe. So, und jetzt schreibe ich an den Außenminister, der immerhin der Dienstvorgesetzte der deutschen Botschaften im Ausland ist, und verlange, dass meine Briefe an meine Frau künftig kostenlos befördert werden, wie andere Feldpostbriefe (nach Afghanistan, ins Kosovo usw.) ja auch.

1
Mai
2009

Ans Ende der Welt

Erster Mai. Analyns Heimatort Pagudpud liegt in Ilocos Norte, der nördlichsten Provinz von Luzon, eine Strecke, die von Manila aus nur schwer an einem Tag zu schaffen ist. Wir brachen – in unserer "Hochzeitsnacht" - früh um drei von unserer kleinen Wasserturm-Wohnung in Quezon City auf, fuhren mit dem Taxi zum Bus-Terminal, dort war es schon so voll von Reisenden, dass wir auf den Wartebänken keinen Sitzplatz mehr fanden. Manche Leute hatten hier übernachtet, fast jeder hatte eine Menge Gepäck bei sich – Taschen, Koffer, verklebte Kisten, zugenähte Säcke. Es ging einigermaßen pünktlich los – durch die ziemlich flachen Provinzen Bulacan und Nueva Ecija, durch hübsche kleine Dörfer mit den typischen philippinischen Häusern: Unten ist ein offener Wohnbereich, überdacht (oft mit einem weiteren Stockwerk darüber), der Raum zur Straße hin vergittert, aber ohne Vorderwand. Hübsche Holzhäuser waren darunter, oft mit Schnitzereien verziert. Auf den Wellblechdächern vergammelten die Mangos, die hier so reichlich wachsen, dass sich niemand mehr dafür interessiert. In den meisten Dörfern findet man anheimelnde spanische Kirchen in altertümlichem Baustil, es sei denn, sie gehören der "Iglesia Ni Christo", die einen einheitlich "modernen" Zuckerguss-Stil pflegt, immer sofort zu erkennen, in Rosa gestrichen. Spanisch sind auch viele Ortsnamen: San José, Santiago, San Carlos, Urdaneta… Hinter San José ging die Straße steil und kurvenreich ins Gebirge hinauf, hier waren die Dörfer nur lange Ansammlungen von Hütten entlang der Straße, oft kleine Strohhütten mit kaum Platz für zwei, aber stets mit einer Menge Kinder davor. Typisches Handwerk: Korbflechterei, Möbelschreinerei (u.a. aus Wurzelholz). Zwischendurch an der Straße wilde Bananenstauden, Papayas, Mangobäume, vereinzelt Kokospalmen. Immer wieder Ausblicke in die Täler mit ihren schimmernden Reisfeldern. Kurz vor Santa Fé kam die Passhöhe mit einem kleinen Rastplatz – bunte Verkaufsstände, verschmutzte Klos (ich sollte allerdings an diesem Tag noch Schlimmeres kennen lernen), unfassbare Hotelzimmer, die reinsten Kakerlaken- und Wanzenparadiese (mit Ausblick – nein, nicht ins schöne Tal, sondern in den Innenhof, wo der Müll lose gesammelt wurde – darüber hing Wäsche zum Trocknen…). Das Klo war ein Loch in der Erde, ringsherum mit Wochen altem Siff verschmiert.
Weiter ging es über Bayombong, Santiago, Cadayan – und jede Stadt hielt zur Begrüßung einen Verkehrsstau bereit. Bereits 20km hinter Santiago kamen wir in das weite Cagayan Valley, das sich, wenn die entsprechende Infrastruktur vorhanden wäre, sicher zu einem großartigen Urlaubsgebiet mausern könnte. Leider verschwinden Regierungsgelder für solche Zwecke bereits in den "Formalitäten", das heißt, in den Taschen der Beamten.
Unser erster Zielort hieß Tiguegarao, hier mussten wir umsteigen. Eine Stadt von etwa 30-40.000 Einwohnern. Wir kamen am Busbahnhof an, und während Analyn auf dem Weg zum Fahrkartenverkauf war, fragte mich jemand, wohin wir wollten. "Pagudpud", sagte ich, und der Mann: "Da fährt gleich um die Ecke einer ab, schnell!" Er rief Analyn zurück, sie ließ sich überzeugen, wir sprangen in sein Trycicle (Moped mit Beiwagen), er startete das Fahrzeug, warf sich in den dichten Gegenverkehr - keine Zeit, auf eine der rechten Fahrspuren zu wechseln, fast wie in Manila, Unfälle gibt es hier nicht, basta, und der andere Busbahnhof war wirklich unmittelbar um die Ecke. Tatsächlich stand da ein abfahrbereiter Bus, in dem noch zwei Plätze frei waren, die bereits entwerteten Fahrkarten waren irgendwo auf dem Busbahnhof im freien Handel, der Besitzer verlangte offenbar zu viel, Analyn ließ sich nicht darauf ein, sie kennt die Preise. Heftige Diskussion, die Geldscheine gingen hin und her, wie beim Hütchenspiel im Frankfurter Bahnhofsviertel, zwischendurch wurde einer der Fahrscheine an einen anderen Interessenten verkauft, so dass eh nur noch ein Platz frei war. Inzwischen hatte mich der Tricycle-Fahrer nach seinem Lohn gefragt, ich gab ihm zwanzig Pesos für weniger als hundert Meter, das ist das Doppelte von dem, was ich in Manila für eine zehnmal so lange Strecke zahlen müsste. Er lachte mich aus, rief: "Das soll eine gute Bezahlung sein?", zeigte den Geldschein den anderen Fahrern auf dem Platz und rief: "Zwanzig Pesos! Der Ausländer hat zwanzig Pesos bezahlt!" Und dann zu mir: "Bekomme ich nicht mehr?" Inzwischen bedrängten mich aber etliche Kuchen- und Maisverkäufer mit ihrer Ware, und ich machte mich los und sagte: "Ich frage meine Frau."
Der Trycicle-Fahrer rief den Leuten zu: "Seht mal, der muss seine Frau wegen Geld fragen!" Ich wollte nur weg, Analyn war am Fahrkartenschalter und setzte sich mit der Schalterfrau auseinander, die sich weigerte, uns Karten zu verkaufen. Analyn wusste aber, dass es im Bus immer noch Karten gibt. Über eine Stunde mussten wir warten, der Tricycle-Fahrer saß uns gegenüber und funkelte uns lauernd an, er sprach mit einem Typen, der hinter uns auf der Bank lag und ständig etwas in sein Handy tippte. Ich wagte mich nicht aufs Klo, weil ich fürchtete, der Trycicle-Fahrer oder ein Komplize würde kommen und sich Nachschlag holen. Es war halb sieben, also schon dunkel. Erst als der Bus kam und mehrere Leute zur Toilette gingen, wagte ich mich hin. Zum Glück ging kein Licht – vom Laternenschein durch die offene Tür konnte ich genug sehen: Hier konnte man die Bakterien der letzten zwanzig Jahre als Urinpudding von der Wand löffeln. Dann ab in den Bus: Ein Mitreisender, der uns beobachtete, sprach mich auf Englisch an und erklärte, ich müsse die Leute verstehen – der letzte Ausländer sei vor über zehn Tagen in die Stadt gekommen, und die Gelegenheit, zu Geld zu kommen, will sich keiner entgehen lassen. Verstehe ich ja auch, aber gefürchtet habe ich mich trotzdem.
Weiter ging's durchs Cagayan-Gebirge, eine unwegsame Schotterstraße, über schmale Brücken, wilde Kurven, durch urwaldartiges Gestrüpp, weitere viereinhalb Stunden Fahrt mit Halt in Claveria, dem Geburtsort meiner Frau. Hier gab es wieder eine Ansammlung kleiner Imbisse und Geschäfte, es war alles geöffnet, obwohl kurz vor Mitternacht. Wir brauchten Kleingeld für die Weiterfahrt nach dem nächsten Umsteigen, mir als Ausländer wollte man aber nicht wechseln, ich sollte gefälligst was kaufen. Dann, gegen ein Uhr, stiegen wir an einer Imbissstube auf freier Strecke aus. Hier war alles dunkel. Analyn klopfte an die Fensterläden, dann rief sie mit dem Mobiltelefon jemanden an – tatsächlich kam nach wenigen Minuten ein junger Mann aus der Hütte geschlurft, setzte sich wortlos auf sein Moped, und wir kletterten in den Beiwagen. Noch dreieinhalb Kilometer weiter, dann waren wir in Malingay, einem kleinen Dorf, das zu Pagudpud gehört. Hier ist Analyn aufgewachsen, hier wohnen ihre Mutter, ihre Geschwister, Nichten, Neffen, Cousinen, Schwager und so weiter – das halbe Dorf.
Wir sanken sofort ins Bett, es war weit nach ein Uhr. Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal in einem echten Mädchenzimmer geschlafen habe – es ist Analyns Zimmer, ich mochte es sofort, ein bescheidener Raum, kaum größer als das Bett, schlicht, aber liebevoll gestaltet. Überall hatte sie Fotos von mir, und die Bücher, die ich ihr geschickt hatte.
Analyns Mutter ist eine liebenswürdige alte Dame (die älter aussieht, als sie ist, aber sie hat auch viele Sorgen und Existenznöte hinter sich), ihren Lebenspartner habe ich zuerst auch für eine alte Frau gehalten. Beide sehr nett. Sie waren wegen uns wach geblieben, und wir aßen nichts mehr, schenkten den beiden unser Hochzeitsfoto, und dann ging es schlafen.
Ich wurde erst um zehn wach, etwas ganz Neues bei mir. Analyn machte Frühstück, Reis mit gebratenem Fisch – überhaupt gab es viel Fisch, fangfrisch direkt aus der Bucht.
Als wir dann ins Freie traten (das Haus steht in zweiter Reihe hinter einer Gaststube), traf mich der Anblick wie ein Schlag: Blaues Meer, weißer Strand, ruhige Brandung, Palmen, Palmen, Palmen, im Hintergrund Felsklippen und Berge: Ein Paradies am Ende der Welt.
logo

Didis Reiseblog

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Hurra!
Habe die Neuigkeit gerade in der Group gelesen. Glückwunsch...
Darklady (Gast) - 26. Nov, 16:33
Sie kommt, sie kommt!
Habe sie gerade auf dem Handy angerufen - sie ist bereits...
buecherdidi - 9. Nov, 15:12
Sie kommt! Tschüs...
Analyn hat ihr Visum zugesagt bekommen! Jetzt muss...
buecherdidi - 8. Nov, 20:22
Toller Regentag
Zuerst sah es nicht gut aus: Geregnet hat es den ganzen...
buecherdidi - 3. Nov, 00:05
Das verrückte Mädchen...
Manchmal verreise ich nicht real, sondern in meinem...
buecherdidi - 2. Nov, 01:17

Links

Suche

 

Status

Online seit 293 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 26. Nov, 16:33

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB