Erster Mai. Analyns Heimatort Pagudpud liegt in Ilocos Norte, der nördlichsten Provinz von Luzon, eine Strecke, die von Manila aus nur schwer an einem Tag zu schaffen ist. Wir brachen – in unserer "Hochzeitsnacht" - früh um drei von unserer kleinen Wasserturm-Wohnung in Quezon City auf, fuhren mit dem Taxi zum Bus-Terminal, dort war es schon so voll von Reisenden, dass wir auf den Wartebänken keinen Sitzplatz mehr fanden. Manche Leute hatten hier übernachtet, fast jeder hatte eine Menge Gepäck bei sich – Taschen, Koffer, verklebte Kisten, zugenähte Säcke. Es ging einigermaßen pünktlich los – durch die ziemlich flachen Provinzen Bulacan und Nueva Ecija, durch hübsche kleine Dörfer mit den typischen philippinischen Häusern: Unten ist ein offener Wohnbereich, überdacht (oft mit einem weiteren Stockwerk darüber), der Raum zur Straße hin vergittert, aber ohne Vorderwand. Hübsche Holzhäuser waren darunter, oft mit Schnitzereien verziert. Auf den Wellblechdächern vergammelten die Mangos, die hier so reichlich wachsen, dass sich niemand mehr dafür interessiert. In den meisten Dörfern findet man anheimelnde spanische Kirchen in altertümlichem Baustil, es sei denn, sie gehören der "Iglesia Ni Christo", die einen einheitlich "modernen" Zuckerguss-Stil pflegt, immer sofort zu erkennen, in Rosa gestrichen. Spanisch sind auch viele Ortsnamen: San José, Santiago, San Carlos, Urdaneta… Hinter San José ging die Straße steil und kurvenreich ins Gebirge hinauf, hier waren die Dörfer nur lange Ansammlungen von Hütten entlang der Straße, oft kleine Strohhütten mit kaum Platz für zwei, aber stets mit einer Menge Kinder davor. Typisches Handwerk: Korbflechterei, Möbelschreinerei (u.a. aus Wurzelholz). Zwischendurch an der Straße wilde Bananenstauden, Papayas, Mangobäume, vereinzelt Kokospalmen. Immer wieder Ausblicke in die Täler mit ihren schimmernden Reisfeldern. Kurz vor Santa Fé kam die Passhöhe mit einem kleinen Rastplatz – bunte Verkaufsstände, verschmutzte Klos (ich sollte allerdings an diesem Tag noch Schlimmeres kennen lernen), unfassbare Hotelzimmer, die reinsten Kakerlaken- und Wanzenparadiese (mit Ausblick – nein, nicht ins schöne Tal, sondern in den Innenhof, wo der Müll lose gesammelt wurde – darüber hing Wäsche zum Trocknen…). Das Klo war ein Loch in der Erde, ringsherum mit Wochen altem Siff verschmiert.
Weiter ging es über Bayombong, Santiago, Cadayan – und jede Stadt hielt zur Begrüßung einen Verkehrsstau bereit. Bereits 20km hinter Santiago kamen wir in das weite Cagayan Valley, das sich, wenn die entsprechende Infrastruktur vorhanden wäre, sicher zu einem großartigen Urlaubsgebiet mausern könnte. Leider verschwinden Regierungsgelder für solche Zwecke bereits in den "Formalitäten", das heißt, in den Taschen der Beamten.
Unser erster Zielort hieß Tiguegarao, hier mussten wir umsteigen. Eine Stadt von etwa 30-40.000 Einwohnern. Wir kamen am Busbahnhof an, und während Analyn auf dem Weg zum Fahrkartenverkauf war, fragte mich jemand, wohin wir wollten. "Pagudpud", sagte ich, und der Mann: "Da fährt gleich um die Ecke einer ab, schnell!" Er rief Analyn zurück, sie ließ sich überzeugen, wir sprangen in sein Trycicle (Moped mit Beiwagen), er startete das Fahrzeug, warf sich in den dichten Gegenverkehr - keine Zeit, auf eine der rechten Fahrspuren zu wechseln, fast wie in Manila, Unfälle gibt es hier nicht, basta, und der andere Busbahnhof war wirklich unmittelbar um die Ecke. Tatsächlich stand da ein abfahrbereiter Bus, in dem noch zwei Plätze frei waren, die bereits entwerteten Fahrkarten waren irgendwo auf dem Busbahnhof im freien Handel, der Besitzer verlangte offenbar zu viel, Analyn ließ sich nicht darauf ein, sie kennt die Preise. Heftige Diskussion, die Geldscheine gingen hin und her, wie beim Hütchenspiel im Frankfurter Bahnhofsviertel, zwischendurch wurde einer der Fahrscheine an einen anderen Interessenten verkauft, so dass eh nur noch ein Platz frei war. Inzwischen hatte mich der Tricycle-Fahrer nach seinem Lohn gefragt, ich gab ihm zwanzig Pesos für weniger als hundert Meter, das ist das Doppelte von dem, was ich in Manila für eine zehnmal so lange Strecke zahlen müsste. Er lachte mich aus, rief: "Das soll eine gute Bezahlung sein?", zeigte den Geldschein den anderen Fahrern auf dem Platz und rief: "Zwanzig Pesos! Der Ausländer hat zwanzig Pesos bezahlt!" Und dann zu mir: "Bekomme ich nicht mehr?" Inzwischen bedrängten mich aber etliche Kuchen- und Maisverkäufer mit ihrer Ware, und ich machte mich los und sagte: "Ich frage meine Frau."
Der Trycicle-Fahrer rief den Leuten zu: "Seht mal, der muss seine Frau wegen Geld fragen!" Ich wollte nur weg, Analyn war am Fahrkartenschalter und setzte sich mit der Schalterfrau auseinander, die sich weigerte, uns Karten zu verkaufen. Analyn wusste aber, dass es im Bus immer noch Karten gibt. Über eine Stunde mussten wir warten, der Tricycle-Fahrer saß uns gegenüber und funkelte uns lauernd an, er sprach mit einem Typen, der hinter uns auf der Bank lag und ständig etwas in sein Handy tippte. Ich wagte mich nicht aufs Klo, weil ich fürchtete, der Trycicle-Fahrer oder ein Komplize würde kommen und sich Nachschlag holen. Es war halb sieben, also schon dunkel. Erst als der Bus kam und mehrere Leute zur Toilette gingen, wagte ich mich hin. Zum Glück ging kein Licht – vom Laternenschein durch die offene Tür konnte ich genug sehen: Hier konnte man die Bakterien der letzten zwanzig Jahre als Urinpudding von der Wand löffeln. Dann ab in den Bus: Ein Mitreisender, der uns beobachtete, sprach mich auf Englisch an und erklärte, ich müsse die Leute verstehen – der letzte Ausländer sei vor über zehn Tagen in die Stadt gekommen, und die Gelegenheit, zu Geld zu kommen, will sich keiner entgehen lassen. Verstehe ich ja auch, aber gefürchtet habe ich mich trotzdem.
Weiter ging's durchs Cagayan-Gebirge, eine unwegsame Schotterstraße, über schmale Brücken, wilde Kurven, durch urwaldartiges Gestrüpp, weitere viereinhalb Stunden Fahrt mit Halt in Claveria, dem Geburtsort meiner Frau. Hier gab es wieder eine Ansammlung kleiner Imbisse und Geschäfte, es war alles geöffnet, obwohl kurz vor Mitternacht. Wir brauchten Kleingeld für die Weiterfahrt nach dem nächsten Umsteigen, mir als Ausländer wollte man aber nicht wechseln, ich sollte gefälligst was kaufen. Dann, gegen ein Uhr, stiegen wir an einer Imbissstube auf freier Strecke aus. Hier war alles dunkel. Analyn klopfte an die Fensterläden, dann rief sie mit dem Mobiltelefon jemanden an – tatsächlich kam nach wenigen Minuten ein junger Mann aus der Hütte geschlurft, setzte sich wortlos auf sein Moped, und wir kletterten in den Beiwagen. Noch dreieinhalb Kilometer weiter, dann waren wir in Malingay, einem kleinen Dorf, das zu Pagudpud gehört. Hier ist Analyn aufgewachsen, hier wohnen ihre Mutter, ihre Geschwister, Nichten, Neffen, Cousinen, Schwager und so weiter – das halbe Dorf.
Wir sanken sofort ins Bett, es war weit nach ein Uhr. Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal in einem echten Mädchenzimmer geschlafen habe – es ist Analyns Zimmer, ich mochte es sofort, ein bescheidener Raum, kaum größer als das Bett, schlicht, aber liebevoll gestaltet. Überall hatte sie Fotos von mir, und die Bücher, die ich ihr geschickt hatte.
Analyns Mutter ist eine liebenswürdige alte Dame (die älter aussieht, als sie ist, aber sie hat auch viele Sorgen und Existenznöte hinter sich), ihren Lebenspartner habe ich zuerst auch für eine alte Frau gehalten. Beide sehr nett. Sie waren wegen uns wach geblieben, und wir aßen nichts mehr, schenkten den beiden unser Hochzeitsfoto, und dann ging es schlafen.
Ich wurde erst um zehn wach, etwas ganz Neues bei mir. Analyn machte Frühstück, Reis mit gebratenem Fisch – überhaupt gab es viel Fisch, fangfrisch direkt aus der Bucht.
Als wir dann ins Freie traten (das Haus steht in zweiter Reihe hinter einer Gaststube), traf mich der Anblick wie ein Schlag: Blaues Meer, weißer Strand, ruhige Brandung, Palmen, Palmen, Palmen, im Hintergrund Felsklippen und Berge: Ein Paradies am Ende der Welt.
buecherdidi - 1. Mai, 12:57